Das Ende einer langen Reise - Auf dem Fahrrad bis nach Malmö
- leonieschmittinger

- 13. Okt. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Bei strahlendem Sonnenschein ging es am nächsten Morgen vom Campingplatz entspannt los. Schnell machten sich am zweiten Tag auf dem Fahrrad die Höhenmeter bemerkbar, da das Fahrradfahren deutlich andere Muskeln beansprucht als das Wandern und ich somit nun plötzlich wieder Muskelkater hatte.
Schon nach kurzer Zeit kam ich in eine Nebeldecke, die mich den ganzen Tag nicht verließ und so war die Sicht nicht ganz so gut. Abends fand ich nach einer Weile dann einen Fluss, an dem ich mein Wasser auffüllen konnte und wenig später einen Strand mit Grillstelle, der einen wunderbaren Zeltplatz für die Nacht abgab.
Mit wenig Wind hätten die Moskitos mich am kommenden Morgen fast gefressen und so beeilte ich mich, loszukommen.
Meine Route führte mich zunächst von der Küste ins Landesinnere, da meine Eltern ein Paket mit neuen Schuhen bereits in eine kleine Ortschaft an der Grenze zu Norwegen geschickt hatten und ich dieses nun noch abholen wollte, bevor es dann Richtung Süden gehen sollte.
Während ich die ersten paar Tage einige Abschnitte auf Schotterstraßen fuhr, versuchte ich dies anschließend zu meiden, da das Fahrrad keine Trekking- oder Mountainbikereifen hatte und ich etwas skeptisch war, ob die Reifen das über längere Zeit aushalten würden.
Obwohl ich mich an das Fahrradfahren gewöhnen musste und so viel lieber gelaufen wäre, versuchte ich mich auf die Vorteile des Radfahrens zu konzentrieren: Ich komme viel öfter an Supermärkten vorbei, lege deutlich größere Strecken am Tag zurück und bin dadurch schneller am Ziel und ich kann auch mal Umwege von ein paar Kilometern machen, ohne, dass mich das viel Zeit oder Energie kostet.
Am dritten Tag kam ich nachmittags an eine Kreuzung an der ein kleines Café war und ich gönnte mir ein paar süße Teilchen und unterhielt mich mit der wunderbaren Besitzerin, die vor ein paar Jahren aus den Niederlanden hergezogen war.
An diesem Abend fand ich einen traumhaften Zeltplatz direkt an einem See mit kleinem Strand – und ohne Mücken! Und als die Sonne dann abends noch einmal herauskam, nutzte ich die Gelegenheit zum Baden, bevor es kühl wurde.

Ein perfekter Platz für die Nacht
Der darauffolgende Tag brachte den ersten Regen auf dem Fahrrad, wenn auch erst abends und ich bekam nur etwas Niesel ab. Schnell musste ich aber feststellen, dass der Poncho auf dem Fahrrad nicht so geeignet war und durch die große Fläche stark im Wind bremst und man mehr Energie aufbringen muss. Den Schlafplatz fand ich abends an einem Anglerspot, der etwas abseits eines Ortes lag. Am nächsten Morgen fuhren dann jedoch um sechs Uhr einige Autos vor und einige Männer unterhielten sich eine gute Stunde ungefähr fünf Meter von meinem Zelt entfernt, bis es wieder still wurde. Da es aber regnete und es im Zelt so gemütlich war, blieb ich einfach liegen, bis der Regen zwei Stunden später weniger wurde.
Wie auch die vorangegangenen Tage gab es wieder einige Höhenmeter, die mich ordentlich herausforderten.
Am nächsten Tag hatte ich Gegenwind – den ganzen Tag. Ich war morgens schon durchgefroren und musste mich mittags ein paar Stunden in einer Bibliothek aufwärmen, da ich so zitterte. Anschließend war es etwas besser, abends jedoch wurde es wieder eiskalt und die Tatsache, dass ich noch etwa zwei Stunden nach einem Schlafplatz suchen musste, machte es nicht besser.
Sieben Tage nachdem ich an der Küste losgefahren war, erreichte ich den Ort Storlien, in dem ich das Paket mit meinen Schuhen abholte. Da der Ort direkt an der Grenze zu Norwegen lag, war der Weg nach Trondheim nun nicht mehr weit und schon nach ein paar Kilometern bergab in Richtung Küste wurde es auch deutlich wärmer und ich konnte endlich mal wieder ohne Jacke und Handschuhe fahren.
Nach Trondheim ging es dann ein Stück an der Küste entlang, was wunderschön war. Allerdings ging es auch einige Male ganz schön steil bergauf und ich musste absteigen und schieben.
Mittags erreichte ich Trondheim und breitete meine Ausrüstung auf einer Bank in der Sonne aus, während ich zum Mittagessen Wraps aß (ausnahmsweise mit Salat und frischem Gemüse und nicht nur mit Nüssen, wie ich es beim Wandern hatte!).
Ich fuhr ein wenig gemütlich durch die Stadt und sah mir ein paar Orte an, bevor ich wieder weiter nun in Richtung Süden aufbrach. Der Verkehr und Lärm in der Stadt wurden immer schnell anstrengend, nachdem ich den Großteil meiner Zeit nur von Vogelgezwitscher umgeben war.

Trondheim bei strahlendem Sonnenschein
Landeinwärts kam nun der Regen – und davon nicht wenig. Am ersten Tag nieselte es, allerdings den ganzen Tag lang und so fror ich mal wieder und freute mich schon Stunden zuvor auf meinen warmen Schlafsack und eine erholsame Nacht.
Am nächsten Morgen war es so kalt, dass auf der Fahrradtasche und auf dem Zelt eine Eisschicht lag und so kostete es einige Überwindung in die nassen Klamotten vom Vortag zu steigen und loszufahren. Ich zog alles an, was ich hatte und so waren auch die nassen Handschuhe besser als gar keine. Zum Glück hatte ich an diesem Tag Sonne und konnte meine Sachen wieder trocknen und mich selbst auftauen.

Der Tag fing eiskalt, aber schön an
Anschließend hatte ich fünf Tage an denen es regnete – nicht immer durchgängig und einmal nur abends, aber ich war durchgängig nass. Die Sonne kam nicht ein einziges Mal so stark heraus, dass ich etwas trocknen konnte und so hieß es Zähne zusammenbeißen und durch.
Etwa 150 km vor Göteborg passierte es dann: Plötzlich knallte es laut und mein Hinterreifen war platt. Ich hielt also an und fand die ziemlich große Stelle im Schlauch auch sehr schnell, um sie zu flicken. Währenddessen hoffte ich sehr, dass es gerade jetzt nicht zu regnen anfangen würde. Aber es blieb zum Glück trocken! Kurz bevor ich losfahren wollte, stellte ich jedoch fest, dass der Mantel an einer anderen Stelle gerissen war und der Schlauch nicht mehr geschützt war. Jetzt musste ich es darauf ankommen lassen und einfach hoffen, dass der Schlauch bis in den nächsten Ort halten würde. Dort gab es ein Fahrradgeschäft, wo ich den Mantel bestimmt austauschen lassen konnte.
Am Abend fuhr ich nicht mehr ganz bis in den Ort und schlug davor im Wald mein Zelt auf, so dass ich am nächsten Morgen gleich den Rest hinter mich bringen konnte. Und tatsächlich hielt die "tickende Zeitbombe" namens Schlauch noch bis kurz vor dem Fahrradladen. Emilia, wie ich mein Fahrrad taufte, hielt wacker durch und so musste ich nicht ganz so weit zu Fuß gehen.
Der erste Laden, den ich gefunden hatte, konnte mir leider nicht weiterhelfen, so dass ich noch weiterlaufen musste, aber schließlich fand ich einen und der Mitarbeiter tauschte sofort Mantel und Schlauch aus und keine halbe Stunde später, saß ich wieder auf dem Sattel.
Es war ein schönes Gefühl, nun wieder mobil zu sein und mit neuer Energie ging es an die Küste auf einen Campingplatz, bevor ich am darauffolgenden Tag die letzten 50 km bis Göteborg zurücklegte.
Sogar ohne Regen kam ich mittags dort an freute mich total eine Freundin wiederzusehen, die ich im vergangenen Jahr in Namibia kennengelernt hatte.
Wir hatten einen sehr entspannten Tag und flanierten ein bisschen durch die Stadt. Und ich kaufte eine riesige Zimtschnecke, die ich wie einen Donut einfach beim Gehen aß.
Tags darauf brach ich am späten Vormittag entspannt auf und benötigte erst einmal eine ganze Weile aus der Stadt heraus.
Ich sollte nun auch bis zum Schluss keine Regen mehr bekommen! So genoss ich die letzten drei Tage bis Malmö noch die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, die kleinen Küstenstraßen durch Dörfer, radelte über Landstraßen und musste keine vielen Höhenmeter mehr bewältigen.

Einer der letzten Abende am Strand
Es war ein komisches Gefühl in Malmö anzukommen, ich war einerseits unendlich glücklich und stolz und andererseits war es merkwürdig zu wissen, dass ich am kommenden Morgen nicht aufstehen und auf das Fahrrad steigen würde. Dass ich nicht mehr im Zelt schlafen würde und alles was eben dazugehörte die letzten acht Monate. Und all jene Dinge, die ich über die ganze Zeit vermisst hatte, waren plötzlich so nah, dass ich gar nicht mehr richtig verstand, warum ich sie eigentlich vermisst hatte.
In Malmö trennte ich mich dann auch wieder von meinem Fahrrad Emilia. Sie hatte mir gute Dienste geleistet und würde hoffentlich einen würdigen Nachbesitzer finden.
Den letzten wunderschönen Sonnenuntergang nahm ich noch am Strand in Malmö mit und genoss die letzten Augenblicke in vollen Zügen, bevor ich nach über 5.700 km zu Fuß und 1.800 km mit dem Fahrrad die Heimreise antrat.

Am Ziel angekommen
Und weil ich so oft nach dem „Warum“ gefragt werde:
Nun stand ich am Ende dieser langen Reise und habe mit all der Zeit, die ich zum Nachdenken hatte, den Sinn des Lebens nicht herausgefunden, habe keine Lösungen für die Probleme der Welt, bin kein neuer Mensch geworden und dennoch habe ich mich verändert, bin gewachsen an all den kleinen und großen Herausforderungen und nehme die Freundlichkeit mit, die ich erfahren durfte. Habe etliche unterschiedliche Menschen getroffen, so viele schöne Gespräche gehabt, habe mich selbst besser kennengelernt, wurde von anderen beeindruckt und habe andere Personen inspiriert, wurde fasziniert von all den Facetten der Natur und wie wenig man eigentlich braucht zum Leben oder auch zum Glücklichsein.

Meine Route (blau: zu Fuß, rot: Fahrrad)



Fetter Respekt! Welches Zelt hattest Du denn dabei?
Me neither 🙈 Dankeschön ❤❤
Can't believe how you pushed through this.. Bin so stolz auf dich <3